Im Jahr 1583 begann ein langwieriger Inquisitionsprozess, der sich über mehrere Jahre erstreckte. Auf der Anklagebank saß Domenico Scandella, mit dem Spitznamen Menocchio – ein italienischer Müller, der vor Gericht wegen seiner kühnen Äußerungen über Gott und den Glauben angeklagt wurde, die nicht in das gewohnte Weltbild passten, das zu jener Zeit vorherrschte. Zweifellos war Menocchio eine herausragende Figur und wurde von den meisten Zeitgenossen als Freigeist wahrgenommen. Die Weite seines Horizonts, seine eigene Lesart und Interpretation religiöser und humanistischer Texte sowie der Mut seiner Ideen erstaunen auch heute noch. Rom, das den sich entwickelnden Prozess gegen den autodidaktischen Philosophen attent beobachtete, unterdrückte jegliche humanitären Bestrebungen des Inquisitionsgerichts gegenüber dem Angeklagten. Da er es nicht schaffte, seine Ansichten vollständig abzulehnen, trat er ein zweites – und bereits letztes – Mal vor das kirchliche Gericht. Im Herbst 1599 wurde Domenico Scandella von dem Inquisitionsgericht zum Verbrennen verurteilt.
Wie konnte es geschehen, dass ein gewöhnlicher Müller aus einem kleinen friulanischen Dorf solch ernsthafte Aufmerksamkeit der Kämpfer gegen Häresien auf sich zog? Auf welche Weise führte sein eigenes Verständnis der grundlegenden Fragen des Universums einen Menschen zum Tod? Und wer ist Domenico Scandella – ein Häretiker oder ein wahrhaftiger Genius seiner Zeit?
Auf der Grundlage der Materialien des Inquisitionsgerichts rekonstruiert der herausragende italienische Historiker Carlo Ginzburg eindringlich und lebhaft die geistige Welt Menocchios, indem er das Bild der Epoche nachzeichnet und der sprachlosen Mehrheit – dem einfachen Volk – eine Stimme gibt. „Käse und Würmer“ zeigt anschaulich, wie Materialien aus Inquisitionsarchiven Forschern helfen, die leisen Stimmen von Menschen, die in historischen Dokumenten praktisch nicht erwähnt werden, festzuhalten und Licht auf aktuelle Probleme der Gegenwart zu werfen – von der Herausforderung, die das einfache Volk an die Macht gerichtet hat, bis hin zur Verflechtung von mündlicher und schriftlicher Kultur.