Das legendäre „Rote Buch“, oder Liber Novus („Das neue Buch“), von Carl Gustav Jung, das erstmals im 21. Jahrhundert veröffentlicht wurde, ist eines der wichtigsten Dokumente der intellektuellen und spirituellen Kultur des 20. Jahrhunderts. Über einen Zeitraum von 16 Jahren zeichnete Jung die Ereignisse seines inneren Lebens auf, durch die ihm die unbewusste Natur der menschlichen Psyche und Kultur offenbar wurde: seine Träume, Visionen, die durch die Methode der „aktiven Imagination“ hervorgerufen wurden, sowie die Erfahrung ihrer Deutung, bei der das „Interpretieren“ dem Erlebnis weicht, das „Forschen“ durch das Kontemplieren von Bildern und poetische Mythenbildung erfolgt.
Der Text, in dem alles seinen Ursprung hat, was später akademische Form annahm und bis heute weitgehend als Tiefenpsychologie und jungianische Kulturwissenschaft bekannt ist, zeigt dem Leser ein authentisches Bild des Weges, den Jung in den „Geheimnissen der Geheimnisse“ seiner eigenen Seele beschritten hat, und das wahre Antlitz Jungs als Denker – modernen Psychologen und zeitlosen Mystagogen, herausragenden Wissenschaftler und über die Wissenschaft hinausgehenden Geistesforscher, aufmerksamsten Forscher und tiefsten Dichter der Seele.
Eine der Hauptaufgaben der neuen Übersetzung des „Roten Buches“, die erstmals aus dem deutschen Original erstellt wurde, besteht darin, einen Eindruck davon zu vermitteln, wie die Handschrift aussieht und gelesen wird, die in gotischer Schrift im Stil eines mittelalterlichen Manuskripts verfasst ist, und wie die prophetische Sprache Jungs klingt, der mit wahrhaft poetischem Schwung die Ressourcen der deutschen Sprache genutzt hat, deren Grammatik, Syntax und Stil bis heute tief archaische Züge bewahren, die vielen modernen Sprachen unerreichbare Ausdruckskraft verleihen.
Bei all diesen Übersetzungsentscheidungen liegt das Bestreben zugrunde, die innere Erfahrung Jungs mit den Mitteln der russischen Sprache so genau wie möglich wiederzugeben.
Das Werk wird von einem Artikel und Kommentaren von Sonu Shamdasani begleitet, deren Übersetzungen in einer neuen wissenschaftlichen Redaktion veröffentlicht werden.