Das Buch des herausragenden französischen Soziologen und Kriminalisten Gabriel Tarde (1843–1904) «Öffentliche Meinung und Menge», erstmals veröffentlicht im Jahr 1901, ist eines der grundlegenden Werke im Bereich der Sozialpsychologie.
In dieser Arbeit bietet Tarde eine für seine Zeit neuartige Sicht auf die Natur des kollektiven Verhaltens, indem er die physisch versammelte Menge und das «Publikum» - eine geistige Gemeinschaft, die unter dem Einfluss der Massenmedien entsteht - gegenüberstellt. Der Autor behauptet, dass das kommende Jahrhundert nicht das «Jahrhundert der Menge» ist, wie viele seiner Zeitgenossen glaubten, sondern das Jahrhundert des Publikums, das durch das Lesen von Zeitungen unsichtbaren Bindungen verbunden ist. Bei der Untersuchung der Mechanismen der Meinungsbildung weist Tarde einer scheinbar banalen Erscheinung wie dem Gespräch eine Schlüsselrolle zu. Gerade in den alltäglichen Dialogen, die von Informationen aus der Presse genährt werden, entstehen, verbreiten sich und festigen kollektive Ideen und Überzeugungen, die letztlich die Tradition und sogar den individuellen Verstand dominieren.
Im dritten Teil des Buches führt der Autor eine vergleichende Analyse von Menschenmengen und organisierten kriminellen Sekten durch und hebt die Ähnlichkeiten und Unterschiede in der Psychologie dieser Gruppen, die Rolle der Anführer und die Mechanismen der kollektiven Verantwortung hervor. Tardes Werk hat auch heute nichts von seiner Aktualität verloren und ermöglicht ein tieferes Verständnis der Natur moderner Informationskriege, des Phänomens des «viralen» Inhalts und der Mechanismen der Manipulation des öffentlichen Bewusstseins.