Der Chassidismus, der in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter den Juden Osteuropas entstand, strebte nicht so sehr nach formaler Einhaltung von Traditionen, sondern nach lebendiger, emotionaler Teilnahme am spirituellen Leben. Er weckte das historische Gedächtnis, indem er von Generation zu Generation Geschichten aus der jahrhundertealten Geschichte des Volkes übermittelte, und inspirierte — ja inspiriert bis heute — die Entstehung neuer, eigenständiger Folklore, die in realen Ereignissen verwurzelt ist.
Der israelische Schriftsteller Jakow Schechter, der auf Russisch schreibt, sammelt und zeichnet seit vielen Jahren die ihm zu Ohren gekommenen chassidischen Geschichten auf. Diese Erzählungen sind gemächlich, wie der Fluss, aber irgendwann schießt die Handlung plötzlich empor — die Auflösung erweist sich als unerwartet, manchmal überwältigend, und die weisen Aussprüche der Protagonisten klingen wie Offenbarungen. In diesen Geschichten verweben sich Märchen und Parabel, moralische Belehrung und Chronik. Alles geschah an bestimmten Orten, zu einer bestimmten Zeit, und oft sind Namen und Nachnamen der Beteiligten erhalten geblieben. Und in solchen Erzählungen ist die Wahrhaftigkeit wichtiger als die künstlerische Fiktion.
Es wird allgemein angenommen, dass die chassidischen Geschichten nur in der Erinnerung einer Minderheit überlebt haben. „Das ist nicht ganz richtig“, sagt der Autor. „Genauer gesagt, es ist überhaupt nicht richtig. Die Welt um uns herum ist voller erstaunlicher Geschichten, unglaublicher Ereignisse, wunderbarer Abenteuer. Um sie zu bemerken, muss man nur den Blickwinkel ein wenig ändern.“
Die Veröffentlichung richtet sich an Ethnografen, Literaturwissenschaftler, Religionswissenschaftler, Historiker und einen Kreis interessierter Leser.